Vom Gleichgewicht und Wandel oder die Vielfalt der Einfalt der Bodenkultur

25.03.16 Vom Gleichgewicht und Wandel oder die Vielfalt der Einfalt der Bodenkultur

Bereits Heraklit – ein griechischer Philosoph, der 500 Jahre vor Christus lebte – erkannte die Bedeutung des Erhaltes des Gleichgewichtes in der Natur: „Sofern wir in die Natur eingreifen, haben wir strengstens auf die Wiederherstellung ihres Gleichgewichts zu achten“.

Vom Gleichgewicht und Wandel oder der Vielfalt der Einfalt

Multikosmos Ausgabe 00021

In den Augen vieler Menschen befindet sich Natur erst dann im Gleichgewicht, wenn aus der Sicht des Beobachters eine bestimmte Ordnung oder Stabilität – ein Idealzustand - erreicht wird: Der Gärtner blickt zufrieden auf seinen dichten, sattgrünen englischen Rasen in dem sich endlich keine „Unkräuter“ mehr befinden, der Schwimmteichbesitzer freut sich über sein algenfreies Gewässer, der Landwirt über seine Felder, die Jahr für Jahr dieselben Kulturen tragen. Sie wollen nun diesen Zustand erhalten, da er ja deren Idealvorstellung einer intakten, sich im Gleichgewicht befindenden Natur entspricht. Früher wurde ökologisches Gleichgewicht so definiert, dass Ökosysteme sich erst dann in einem Gleichgewicht befinden, wenn sie sich ohne von außen einwirkende Störungen nicht mehr verändern. Diese Sichtweise von Harmonie, Ordnung, Gleichgewicht und Stabilität in der Natur entspricht jedoch einer sehr statischen Vorstellung eines Gleichgewichtes und gilt heute als veraltet. Da weder die Natur noch Ökosysteme abgeschlossene Systeme sind und es somit zu einem laufenden Austausch von Stoffen (Nährstoffen) und Energien (Sonneneinstrahlung) kommt, befinden sie sich in einem steten Wandel und unterliegen laufenden Schwankungen und Veränderungen. Es wird daher auch von einem dynamischen Gleichgewicht oder Fließgleichgewicht gesprochen. Vor allem die Fähigkeit auf Schwankungen zu reagieren ist von höchster Bedeutung für den Bestand und Erhalt eines Ökosystems. Hier spielt die Biodiversität eine zentrale Rolle, je artenreicher und vielfältiger Tier- und Pflanzenwelt, aber auch die Lebensräume sind, desto besser können Schwankungen ausgeglichen werden.

Im Gegensatz zu oberirdischen Ökosystemen können Böden als noch wesentlich komplexere Lebensräume angesehen werden, deren Biodiversität und Biomasse die der Ökosysteme der Oberfläche weit übertrifft.

Der Großteil der Artenvielfalt in Böden wird durch Mikroorganismen gestellt, eine Schätzung der Wissenschaft geht von 30.000 Bakterienarten, 60.000 Algenarten und über 1,5 Millionen Arten von Pilzen aus. So enthält ein Hektar Boden mehr als 20 Tonnen Bakterien und Pilze (Trockengewicht !), die laufend abgestorbene Wurzen und Streu ab- und umbauen, die in Symbiose mit Pflanzen stehen, diese ernähren und weitere wichtige Funktionen im Ökosystem Boden spielen.

Ein intaktes Bodenleben vermag es, unser Wasser zu reinigen, Böden zu entgiften; die Fruchtbarkeit zu fördern und Humus aufzubauen. Obwohl durch Studien bereits mehrfach belegt wurde, dass bereits ein kleiner Verlust der Artenvielfalt von Pflanzen negative Auswirkungen auf die Vielfalt und Funktion der Bodenorganismen hat, prägen vor allem Monokulturen unsere landwirtschaftlichen Flächen.

Nur wenige Pflanzenarten und Sorten dominieren unsere landwirtschaftlichen Kulturen. So werden ca. 75 % des globalen Bedarfes an Kohlehydraten von lediglich 12 Pflanzen gedeckt. Drei Viertel der Weltbevölkerung ernähren sich von nur 8 Pflanzen. Eine erschreckende Abhängigkeit ist dadurch entstanden, aber auch ein gigantisches Geschäftsfeld für einige Konzerne, die Saatgut und Agrarchemikalien verkaufen. Als weitere Gefahr für die Artenvielfalt und Fruchtbarkeit der Böden kann auch der Anbau von gentechnisch manipulierten Pflanzen gesehen werden. Studien ergaben, dass Böden auf denen 3 Jahre lang BT-Baumwolle angebaut wurde, im Vergleich zu anderen Böden eine um 14 Prozent geringere Bakterienpopulation aufwiesen und die organische Masse im Boden um 8,9 Prozent reduziert war. Außerdem wurde in dieser Studie nachgewiesen, dass die Menge an Enzymen, die organisch gebundenen Phosphor für Pflanzen verfügbar machen und in der Lage sind Stickstoff zu binden um ein Viertel reduziert wurde. Hinweise darauf, dass das Gleichgewicht und die Gesundheit der Böden durch diese Art der Landwirtschat negativ beeinträchtigt werden und ein Verlust der Fruchtbarkeit der Böden droht. Womit wir neben der Degradation von Böden (und somit dem Schwinden unserer Lebensgrundlage) und dem Klimawandel bei einem der zukünftig grundlegenden Probleme der Menschheit angelangt sind: dem Verlust der Artenvielfalt.

2014 wurde vom WWF (WorldWildlifeFund) im Rahmen des „Living Planet Index“ festgestellt, dass die Artenvielfalt auf der Erde zwischen 1970 und 2010 um ca. 52 Prozent gesunken ist, wobei Lateinamerika mit 83 Prozent der traurige Spitzenreiter ist. Wissenschaftler vergleichen das derzeitige Artensterben mit dem großen Massenaussterben der Vergangenheit. Der kleine Unterschied ist jedoch der, dass diesmal der Mensch mit seinem Handeln als Verursacher angesehen werden muss. Täglich gehen ca. 200 Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich verloren!

Mit diesem Verlust an Biodiversität besteht nicht nur für die Umwelt sondern auch ökonomisch eine große Gefahr. Einer Schätzung zufolge, die im Rahmen des TEEB Reportes erstellt wurde,(The Economics of Ecosystems and Biodiversity, vom deutschen Umweltministerium und der EU initiiert) werden durch Artensterben bedingte Schäden im Jahr 2050 weltweit mit ca. 14 Billionen Euro angenommen – dies entspricht ca. 7 % der weltweiten Wirtschaftsleistung – Tendenz steigend. Diese Entwicklung hat bereits jetzt für uns Menschen unmittelbare Konsequenzen und mag kurz am Beispiel von Argentinien dargestellt werden:

2015 wird in Argentinien auf 2/3 des gesamten Ackerlandes (ca. 22 Millionen Hektar –entspricht mehr als 60 % der Fläche von Deutschland) Soja angebaut. Hier und in vielen anderen Ländern finden Investoren, Konzerne, Großgrundbesitzer und Staaten in der Landwirtschaft ein rentables Geschäft – Nachhaltigkeit ist bei der Bewirtschaftung der Flächen jedoch kein Kriterium.

So wurden allein in Argentinien in den letzten 12 Jahren 9 Millionen Hektar Acker durch Kahlschlag und Rodung neu erschlossen. Auf diesen und alten landwirtschaftlichen Flächen wird fast ausschließlich Roundup Ready Soya angebaut – eine gentechnisch dergestalt veränderte Sojapflanze, die resistent gegen das Pflanzengift Glyphosat – ein Breitbandherbizid - ist. Pro Jahr kommen in Argentinien 26 Mio. Liter an Pestiziden zum Einsatz, die teilweise mit Flugzeugen – auch über bewohnten Gebieten – ausgebracht werden, mit der Konsequenz, dass das Bodenleben zerstört wird, der Boden wichtige Funktionen nicht mehr übernehmen kann, Humus abgebaut wird und die Fruchtbarkeit der Böden verloren geht. Neben den Auswirkungen auf die Umwelt hat dieses Vorantreiben der Agrargrenzen und die Industrialisierung der Landwirtschaft auch für die Einwohner schwere Folgen. Kleinbauern, die in der Lage waren, sich von einer kleinen Fläche selbst zu ernähren wurden von ihren Landwirtschaften in Städte vertrieben. Heute leben in dem Land mit 41 Mio Einwohnern 38 Mio in Städten, fast die Hälfte der Bewohner Argentiniens ist von Sozialhilfe oder ähnlichen Unterstützungen abhängig. Ironischer weise finanzieren die Einnahmen aus dem Sojaexport wiederum die staatlichen Sozialleistungen, die notwendig sind, um der arbeitslosen Bevölkerung ein Überleben zu ermöglichen.

Im Vergleich zum eben Beschriebenen leben wir in Österreich tatsächlich noch auf einer Insel der Seligen: wir erfreuen uns an einer intakten Umwelt, unsere kleinstrukturierte Landwirtschaft zeigt ein vielfältiges Landschaftsbild, sie sorgt für Ernährungssouveränität und bietet viele Arbeitsplätze. Doch auch hier wird der wirtschaftliche Zwang der Bauern zur Industrialisierung der Landwirtschaft immer größer. Entwicklungen, die sehr zu hinterfragen sind und deren Konsequenzen auch noch für das Leben und die Lebensqualität künftiger Generationen massive Auswirkungen haben werden.

Laut einer Empfehlung des Weltagrarrates ist eine Umstellung auf eine „multifunktionale“ Landwirtschaft, die die Erhaltung und Erneuerung von Wasser, Böden, Wäldern und der biologischen Vielfalt in den Mittelpunkt rückt unumgänglich. Grundsätzlich gilt, je vielfältiger ein System (Ökosystem, Wirtschaft, Landwirtschaft) ist, desto leichter kann es auf Schwankungen reagieren und sich an Veränderungen anpassen. Auch in unserer Sprache wird die Bedeutung der Vielfalt gerade durch deren Gegenteil ersichtlich: die Einfalt, die u.a. auch geistige Unzulänglichkeit bezeichnet.

Die Menschheit steht am Beginn dieses neuen Jahrtausends vor vielen Herausforderungen, wir werden Ihnen nur mit einer Vielfalt an Ideen und neuen (vielleicht aber auch sehr alten) ökologischen und ökonomischen Denkansätzen und Handlungsweisen begegnen können. Allein wenn wir uns bewusst sind, dass wir durch unser Konsumverhalten sehr viel zum Positiven verändern können und unser Handeln danach richten, auch künftigen Generationen noch einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen, wenn wir gemeinsam bestrebt sind, das ökologische Gleichgewicht wieder herzustellen, dann sehe ich eine Chance dafür, dass die Menschheit nicht nur als Störfaktor sondern als wichtiger und wertvoller Teil des Ökosystems Erde erhalten bleibt. Denn: „Wer glaubt, nichts gegen die Probleme unserer Erde tun zu müssen, ist selbst ein Teil davon“.

 

Mag. Robert Rotter ist Ökologe / Limnologe.

Als langjähriger EM-Anwender, Vortragender und EM-Berater von Multikraft folgt er dem Motto:

„Ökologisches Denken und Handeln kann durch die EM-Technologie wunderbar unterstützt werden.“

Robert Rotter ist Pächter einer Landwirtschaft, die im Nebenerwerb seit über 20 Jahren biologisch bewirtschaftet wird – die Bewirtschaftung des Ackerbaubetriebes erfolgt mit dem langfristigen Ziel,
die Böden aufzubauen und eine natürliche Bodenfruchtbarkeit für künftige Generationen zu erhalten.

Multikraft verwendet Cookies, um Ihren Website-Besuch für Sie so angenehm wie möglich zu gestalten. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden. mehr erfahren
Ich stimme zu!