Reif für die Klimaverantwortung - im Gespräch mit Klimatologin Mag. Dr. Christa Kummer

03.10.19 Reif für die Klimaverantwortung - im Gespräch mit Klimatologin Mag. Dr. Christa Kummer

Wie wird das Wetter? Wie verändert sich das Klima? Was können wir tun? (Foto: ORF Thomas Ramstorfer)

Klimawandel hat es immer schon gegeben. Stimmt. Nur jetzt erfolgt die Erderwärmung wesentlich schneller. Es kommt häufiger zu Hitzewellen, die länger andauern. Wir spüren es bereits. Tropische Nächte und neue Hitzerekorde verzeichnete heuer bereits der Juni. Wetterextreme wie Starkregen und heftige Stürme, Trockenheit und Dürre nehmen zu. ORF-Wetterexpertin Mag. Dr. Christa Kummer kommt zur Conclusio: „Klimaverantwortung zu übernehmen wäre oberstes Gebot der Stunde.“ Multikraft geht mit gutem Beispiel voran und ist ab Ende Oktober 2019 als klimaneutrales Unternehmen zertifiziert.

Seit über zwanzig Jahren ist die Klimatologin und Hydrologin Mag. Dr. Christa Kummer für die ORF-Wetterredaktion tätig und hat als erste weibliche Wettermoderatorin österreichische Fernsehgeschichte geschrieben. Was ist nun eigentlich der Unterschied zwischen Wetter und Klima? „Die Definition ist ganz einfach. Das Wetter ist der augenblickliche Zustand der Atmosphäre. Klima ist das Wetter über einen längeren Zeitraum gesehen. Fünfzig bis hundert Jahre sind repräsentativ. Wissenschaftliche Daten in einer 30-jährigen Zeitreihe sind ein Minimum, um erste Vergleiche erstellen zu können.“

Schnellere Erderwärmung
Im Laufe der Erdgeschichte verändert sich das Klima. Seit 1880 wurde es im Alpenraum um 2 Grad Celsius wärmer, weltweit um 0,9 Grad Celsius. Der natürliche Treibhauseffekt wird durch die massive Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Kohle, Gas und Erdöl verstärkt. Es gelangt zu viel CO2 – Kohlendioxid – in die Atmosphäre. Die Erderwärmung erfolgt nun 100-mal schneller als historische Klimaveränderungen bisher. In verschiedensten Regionen der Welt werden deutliche Temperaturanstiege gemessen. Schleichende Veränderungen wie zum Beispiel der vorzeitige Vegetationsbeginn und der Rückgang der Gletscher sind ebenfalls deutlich bemerkbar.
„Mit der Industrialisierung hat der Mensch begonnen, fossile Brennstoffe für sich zu entdecken. Der Mensch hat der Erde eingeheizt! Das Ergebnis erleben wir mittlerweile hautnah.“ Der Mensch spielt also eine große Rolle, wie Christa Kummer betont: „Großflächig wurden Biotope zerstört. Ich denke da beispielsweise an Waldrodungen schon im Mittelalter. Hier könnte man noch Hunderte Beispiele anführen. Die große Conclusio ist, dass der Mensch aus der Geschichte nichts gelernt hat. Wir zerstören auch heute im 21. Jahrhundert die Natur im nahezu unbeschreiblichen Ausmaß, intensiver und skrupelloser, als es dieser Erdball ver- und ertragen kann. Unser zukünftiges Leben wird sich massiv verändern.“


Von Dürre bis Starkregen
Nicht nur die Erderwärmung nimmt spürbar zu, auch Wetterextreme wie Starkregen und Überschwemmungen, heftige Stürme, Trockenheit und Dürre machen uns zusehends zu schaffen. Vor allem in der Landwirtschaft führen Dürreperioden und lokal heftige Gewitter durch Überflutungen und Hagelschlag zu massiven Schäden.
Wie es dazu kommt, ist ein komplexes Thema, welches Christa Kummer zusammenfasst: „Einer der Faktoren ist, dass Wetterlagen aufgrund der Abschwächung des Jetstreams in 8 bis 10 km Höhe immer stabiler werden – wochenlanges Hochdruckwetter bringt im Sommer beispielsweise extreme Hitze und Trockenheit, auf der anderen Seite auch intensiven Regen, Stürme und Kältewellen. Gerade der alpine Raum ist für seine raschen Wetterwechsel bekannt – aufgrund des oben erwähnten Umstandes werden wir immer häufiger mit stationären Wetterlagen konfrontiert, die aufgrund der Dauer dann Extremwettereignisse verursachen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass nicht jedes Extremwetterereignis dem Klimawandel zuzuordnen ist. Dafür gibt es spezielle Klimasimulationen, um hier die richtige Einordnung zu treffen.“


Längere, häufigere Hitzewellen
Der Trend zu immer heißeren Sommern setzt sich fort. Die ZAMG, Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, stellt in der über 250-jährigen Messgeschichte fest, dass unter den 20 wärmsten Sommern zwölf Sommer seit dem Jahr 2000 liegen. „Der alpine Raum hat ein sehr komplexes Ökosystem. Der sehr markante Temperaturanstieg seit 2000 ist nicht zu leugnen. Die alpine Fieberkurve wird auch weiter rasant nach oben gehen“, so Christa Kummer.
Während im Winter der Temperaturanstieg moderater ausfällt, wird sich die Erwärmung in Österreich vor allem in der warmen Jahreszeit bemerkbar machen. Die Sommer werden heißer und trockener.
„Hitzewellen sind prinzipiell ein natürliches Phänomen, das schon immer vorgekommen ist. Durch den Klimawandel werden sie aber häufiger und intensiver. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens ist das Temperaturniveau in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Dadurch ist extreme Hitze häufiger geworden. Zweitens gibt es Anzeichen dafür, dass die Wetterlagen mittlerweile länger anhalten als früher. Das bedeutet im Sommer zum Beispiel längere Hitzewellen. Zusätzlich gibt es selbstverstärkende Effekte, zum Beispiel die Bodenfeuchte. Trocknen bei Hitzewellen durch die stärkere Verdunstung die Böden aus, kann das zu einer Verstärkung und Verlängerung der Hitze beitragen, da der kühlende Effekt der Verdunstung dann immer mehr fehlt.“

Schutz fruchtbarer Böden
Im Hinblick auf das Klima haben gesunde, intakte Böden eine enorme Bedeutung. Nach den Ozeanen sind vitale Böden die größten CO2-Speicher. Auch hinsichtlich ihrer Wasserhaltefähigkeit sind der Schutz fruchtbarer Böden und der Humusaufbau ebenfalls verstärkt ins Bewusstsein zu rücken.
Im Verbauen fruchtbarer Flächen ist Österreich allerdings derzeit Europameister. Die Bodenversiegelung ist hierzulande überdurchschnittlich hoch. „Viel Beton und Asphalt heizt die Umgebung zusätzlich auf. Wo früher der Regen völlig unbemerkt versickern konnte (Grünland, Ackerflächen, etc.), steht das Wasser“, so Christa Kummer, und weiter betont sie: „Die Natur hat ein Gedächtnis und weiß, wo sie zuhause war. Nur wir Menschen rauben der Natur ihren Freiraum und sind dann ganz betroffen, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht.“
Auf struktureller Ebene trägt hier die Kommunalpolitik wesentliche Verantwortung, denn neue, klimaschonende Raumordnungsgesetze sowie Revitalisierungsprojekte können der zunehmenden Zersiedelung und Verdichtung entgegensteuern.
Auch darauf macht Christa Kummer aufmerksam, wenn sie sagt: „Wir nehmen der Natur ihren Raum weg und dann beschweren wir uns, wenn sich die Natur ihren Raum wieder zurückholt. Wir sollten nicht jeden Acker parzellieren, nur weil es Geld bringt. Gefahrenzonen wie Hochwasserschutzgebiete oder Schwemmland sollten solche bleiben dürfen. Unsere Vorfahren haben zum Beispiel in Lawinenkegeln keine Häuser gebaut. Im alpinen Raum ist Bauland sehr rar und heute bauen wir dort die tollsten Häuser. Wir können uns die Natur nicht einfach so hinbiegen.“
Die Zeit ist mehr als reif dafür, dass wir Klimaverantwortung übernehmen. Maßnahmen und Lösungen sind vorhanden, die maßgebliche Umgestaltung aller gesellschaftlichen Bereiche ist dringend notwendig. Mittels Raumordnungsplänen, Gesetzen und Förderungen hat die Politik Schalthebel in der Hand und kann Rahmenbedingungen schaffen, um CO2-Emissionen zu verringern und zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen. Macht es Sinn, weitere Schneekanonen zu fördern, oder doch eher, auf klimaneutrale Projekte zu setzen?

Lösungen als Chance
Wenn sich jede und jeder ein paar Fragen stellt und das eigene Handeln verändert, ist einiges gewonnen. Wie können wir unseren CO2-Verbrauch in den Bereichen Mobilität, Wohnen, Konsum und Ernährung verringern?
ORF-Wetterexpertin Christa Kummer dazu: „Als Konsument habe ich es in der Hand zu entscheiden, was ich kaufe. Wenn ich die Erdbeeren im Jänner liegen lasse, werden sie vielleicht irgendwann nicht mehr vom Konzern geordert. Saisonal und regional einzukaufen wäre schon ein erster Schritt in die richtige Richtung!“
Einzelne Konsumentscheidungen allein reichen nicht aus, es braucht strukturelle Maßnahmen, um in Sachen Klimaverantwortung vereint an einem Strang zu ziehen.
Manches mag auf den ersten Blick ungewohnt, ja unbequem erscheinen. Wie wäre es mit einem neuen Blickwinkel? Maßnahmen zum Klimaschutz können durchaus eine Bereicherung sein. Sie können bislang Ungeahntes und neue Arbeitsfelder eröffnen sowie Forschung und Technologien weiterentwickeln.

Städte bereiten sich auf Hitzewellen vor, entsiegeln Innenhöfe, pflanzen Bäume auf Plätzen und Straßenrändern. Grüne Fassaden und Dächer fangen Regen auf, wirken kühlend und begünstigen ein gutes Mikroklima. An Büro- und Wohngebäuden klettert die Mauerkatze (Veitchii) hoch. Neben den altbekannten Efeu- und Veitchii-Wänden gibt es auch Begrünung mit selbstklimmenden Kletterpflanzen wie Clematis, Glyzinien oder Winterjasmin. Das Bild der Städte wird sich in den nächsten Jahren sehr verändern, wie viele weitere gesellschaftliche Bereiche auch. In den Bereichen Verkehr und Mobilität ist ebenso ein Umdenken notwendig.
Christa Kummer weist hier auf die komplexe Verantwortung hin: „Ich glaube nicht, dass wir bei der E-Mobilität vom verkehrstechnischen Allheilmittel sprechen. In den Rohstoffländern werden Menschen ausgebeutet. Durch den Abbau der Rohstoffe droht diesen Ländern die nächste ökologische Katastrophe und wir in Europa können uns ein schnelles grünes, sauberes Mäntelchen umhängen. Wir sollten unser Verhalten überdenken, ob wir wirklich jede Fahrt mit dem geliebten Auto erledigen müssen.“


Klimaneutrales Unternehmen Multikraft
Umweltfreundliches Verhalten wird ein immer wichtigeres Kriterium, auch für Unternehmen. Klimaneutrale Unternehmen erstellen eine CO2-Bilanz und lesen daraus ab, wo Emissionen reduziert und langfristig vermieden werden können. Wie kann das gehen? Die Umstellung auf Ökostrom ist ein Beispiel, oder Geschäftsreisen im Inland mit der Bahn statt mit dem Auto oder Flugzeug. Unvermeidbare Emissionen lassen sich durch Klimaschutzprojekte ausgleichen. Solche Schritte sind wichtige Entscheidungen für unsere Zukunft.
Multikraft geht hier mit gutem Beispiel voran, wie CEO Lukas Hader erzählt: „Am 19. Oktober präsentieren wir Multikraft unseren Partnern als klimaneutrales Unternehmen. Als Firma stoßen wir insgesamt nur 250 Tonnen CO2 pro Jahr aus. Im Bereich Energie verzeichnen wir null Tonnen CO2. Das gelingt durch unsere Hackschnitzelanlage, durch Biomasse, und Ökostrom. 95 % unseres Informationsmaterials sind klimapositiv gedruckt.“

Da der Firmensitz in Pichl bei Wels an keine öffentlichen Verkehrsmittel angebunden ist, fallen CO2-Emissionen im Bereich Transport und Verkehr an. „Wir gehen noch einen Schritt weiter und werden das Pendeln der Mitarbeiter, betriebliche An- und Zulieferungen und sämtliches zugekauftes Verpackungsmaterial kompensieren. Wir wollen, dass unser gesamter Fußabdruck klimaneutral ist. Jährlich bilanziert ein externes Unternehmen die CO2-Emissionen. Entsprechend dieser Bilanz kaufen wir jedes Jahr Zertifikate für Klimaschutzprojekte.“
Mit konsequenten Klimaschutzstrategien haben wir es also noch in der Hand, Treibhausgase zu reduzieren und die rasante Erderwärmung zu bremsen. Wissenschaftler und Klimaforscher bestätigen dies. Die Verantwortung, die wir jetzt auf struktureller und individueller Ebene übernehmen, ist für uns und die nächsten Generationen entscheidend.

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