Mikrobiom Mensch

12.07.18 Mikrobiom Mensch

Was unsere kleinsten Mitbewohner, Bauchhirn und Gesundheit miteinander zu tun haben.

Sie sind für das bloße Auge unsichtbar und doch gibt es sie überall. Bakterien wurden lange Zeit vor allem mit Krankheiten gleichgesetzt und bekämpft. Diese Sichtweise ändert sich gerade enorm. Aus aller Welt zeigen neueste Forschungen mit dem Blick durchs Mikroskop, welch große Rolle diese Kleinstlebewesen spielen. Sämtliche Tiere, Pflanzen und wir Menschen sind von Mikroorganismen besiedelt. Die Entdeckung des menschlichen Mikrobioms eröffnet völlig neue Horizonte. Zum Beispiel auch für die Medizin und die Behandlung von Krankheiten.

Im Gespräch gibt Dr. Erika Rokita einen Überblick über aktuelle Erkenntnisse einer noch relativ jungen Forschung, die jetzt schon als Vorbild für verschiedene Lebensbereiche dienen kann.

Wer sind wir Menschen aus Sicht der Biowissenschaften, was ist das Mikrobiom des Menschen?

Seitens der Mikrobiologie ist der Mensch ein wandelndes Ökosystem bzw. ein unglaublich artenreiches Biotop, auf dessen inneren und äußeren Oberflächen sich Tausende verschiedener Bakterienarten und auch Viren, Pilze, Geißeltierchen, Amöben, Milben, Spinnentierchen etc. tummeln - vorwiegend in friedlicher Übereinkunft mit uns Menschen. Ein großer Teil dieser biologischen Vielfalt ist wissenschaftlich noch gar nicht erfasst.

Die Anzahl dieser Kleinstlebewesen ist gigantisch. Das Verhältnis der Körperzellen zu Mikroorganismen beträgt 1:10. Das bedeutet, dass rund 90% aller Zellen im Körper nicht menschlichen Ursprungs sind. Aber der Mensch ist nur gemeinsam mit diesen Billionen von Mikroorganismen existenzfähig.

Nach neuesten Erkenntnissen bilden alle Mikroben im Menschen zusammengefasst (Mikrobiota) eine Gemeinschaft, ja sogar ein gemeinsames „Superorgan“, das sogenannte Mikrobiom. Dieses Mikrobiom stellt die Gesamtheit aller mikrobiellen Gene im menschlichen Organismus dar. Es steht mit unseren Körperzellen und Organsystemen in Verbindung und hat als eine Art übergeordneter Bestandteil menschlichen Lebens einen unglaublich großen Einfluss auf unsere Gesundheit. 

Wie funktioniert das Zusammenleben von Mikroorganismen und Mensch?

Das Geheimnis hinter der erfolgreichen menschlichen Existenz ist die Symbiose - ein Zusammenleben zum gegenseitigen Nutzen, eine friedliche Lebensgemeinschaft zwischen Körperzellen und Mikroorganismen.

Durch ein komplexes, reges Miteinander und eine intensive Allianz profitieren die diversen Partner voneinander. Denn Billionen von Mikroben könnten sich niemals in uns ansiedeln, hätten sie nicht selbst etwas davon. Wir nützen ihnen und sie nützen uns. Wir bieten ihnen z. B. Nahrung, Unterkunft und Fortpflanzungsmöglichkeiten. Sie sorgen beispielsweise für eine reibungslose Verdauung, einen gesunden Hautschutzmantel, ein stabiles Immunsystem, aber auch für das psychische Wohlbefinden, gute Gedächtnisleistungen und vieles mehr.

Das heißt, der Großteil unserer Untermieter sind lebenswichtige Symbionten. Einige sind Kommensalen, also harmlose Tischgenossen, die uns weder schaden noch nutzen. Nur einige wenige sind Parasiten bzw. Krankheitserreger.

Mikroorganismen besiedeln beinahe sämtliche Bereiche des Körpers, die mit der Außenwelt in Kontakt stehen. Das sind rund 400 m² Häute und Schleimhäute. Ein Großteil der Mikroorganismen lebt aber im unteren Dünn- und im Dickdarm. Schauen wir uns den Darm näher an. Woraus besteht das Mikrobiom Darm?

Unser Darm ist ein riesiges Ökosystem aus circa 100 Billionen Mikroorganismen. Das sind zu 99% Bakterien mit einer Gesamtmasse von 1,5 bis 2 Kilogramm. Dieses Kollektiv arbeitet mit einer größeren biochemischen Aktivität als unsere Leber und das, obwohl 30 – 40% dieser transienten Bakterien den Darm täglich wieder verlassen. Diese Abgänge müssen mittels rascher Vermehrung ständig ersetzt werden - vorausgesetzt wir ernähren unsere Bakterien freundlich und vernichten die Diversität nicht dauernd durch leichtfertige Antibiotika-Einnahmen.

Unter den menschlichen Darm-Bakterien hat man bisher an die 1000 Arten aus 5 Stämmen (Bacterioidetes, Firmicicutes, Actinobakteria, Proteobakteria und Verrucomicrobia) gefunden. Mit Hilfe von neuartigen genetischen Nachweismethoden vermutet man aber bereits 36.000 Arten aus 1800 Gattungen. Auf alle Fälle soll der Dickdarm (10 12 pro ml Flüssigkeit) wesentlich dichter besiedelt sein als der Dünndarm (10 9 pro ml). Im menschlichen Darm halten sich außer den Bakterien noch Einzeller (Geißel- und Wimpertierchen), Viren und Bakteriophagen, Pilze (vor allem Hefen), Egel, Milben und Madenwürmer etc. auf.

Noch etwas ist interessant: das Mikrobiom ist bei jedem Menschen anders. Nur circa 9% der Darmbewohner kommen bei allen Menschen vor. Der Rest variiert je nach Geburtsmodus und Lebensstil (Ernährung, Hobbies, Umfeld, Freundeskreis, Stress, Medikamenteneinnahme). D. h. die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms verändert sich im Laufe des Lebens immer wieder und hat die Tendenz im Alter an Artenvielfalt deutlich abzunehmen.

Wir sehen, der Darm ist ein komplexes, dynamisch-bakterielles Ökosystem. Ein Wunderwerk und Zentrum unseres Wohlbefindens. Welche Rolle spielt das Mikrobiom Darm für uns Menschen?

Unser Darm wurde als Organ lange Zeit unterschätzt. Er ist auf alle Fälle weit mehr als nur ein Verdauungsrohr. Tatsächlich baut er auch einen Großteil des Immunsystems auf und reguliert unzählige Stoffwechselprozesse. Als zentrale Energiequelle unseres Körpers hat er Einfluss auf alle anderen Organ- und Funktionssysteme (z.B. Skelett, Muskulatur, Haut, Psyche, Fruchtbarkeit, Abwehrkraft, Herzfunktion, Gedächtnis, Appetit etc.).

Um all die vielen Aufgaben bewältigen zu können, ist der Darm bzw. der Körper unbedingt auf die Darm-Mikrobiota (ehemals Darmflora) angewiesen. Aber dieses Mikrobiom als Bakterienorgan ist mehr als nur die Summe der einzelnen Individuen. Es verhält sich mittels „Quorum sensing“ wie ein Mehrzeller, indem es über Signalbotenstoffe untereinander sowie mit unseren Körperzellen kommuniziert und damit all diese großartigen Leistungen ermöglicht und letztlich auch über Gesundheit und Krankheit entscheidet.

 

Mag. Dr. Erika Rokita

Mag. Dr. Erika Rokita

Kräuterpädagogin, Kinesiologin und Jin-Shin-Jyutsu-Praktikerin

Effektive Mikroorganismen fördern und unterstützen alles LEBEN! Ihr Einsatz bringt die Regulationsprozesse in den unterschiedlichsten Lebensbereichen wieder in Gang und trägt so zur Gesundung von Mutter Erde und allen Lebewesen bei. Ihr Nutzen ist für uns und die Natur von unschätzbarem Wert!

Vor lauter Lachen halten wir uns den Bauch. Wir treffen Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Wie beeinflusst unser Bauch unser Verhalten und Gefühl? Was ist diese Bauch-Hirn-Achse?

Im Volksmund heißt es so schön „der Bauch denkt mit“. Tatsächlich existiert im Bauch ein riesengroßes Nervengeflecht, das sogenannte enterische Nervensystem oder „Bauchhirn“. Dieses zweite Gehirn des Menschen besitzt fünf Mal mehr Nervenzellen als das Rückenmark und mindestens genau so viele wie das Gehirn selbst.

Studien aus dem Bereich der Neurogastroenterologie belegen, dass eine wechselseitige Kommunikation zwischen Magen-Darm-Trakt und Gehirn mittels Botenstoffen und Impulsübertragung via Vagusnerv existiert. Das ist die sogenannte Bauch-Hirn-Achse, wobei wesentlich mehr Informationen vom Darm zum Gehirn transportiert werden als umgekehrt (90:10).

Die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms beeinflusst also nicht nur unsere körperliche Gesundheit, sondern auch unser Denken, Fühlen, Kommunizieren, Lernen und Verhalten. Man weiß heute, dass psychische Störungen durch Einflüsse vom Magen-Darm-Trakt mit bedingt sein können und umgekehrt, dass Medikamente für den Gehirnstoffwechsel zu Darmbeschwerden führen können. Es wird gerade erforscht, wie eine gute Mikrobiomversorgung auf diese Bauch-Hirn-Achse einwirken und Krankheiten wie Morbus Alzheimer, MS, Demenz, ALS oder Parkinson positiv beeinflussen kann.

Blähungen, Reizdarmsyndrom, Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Adipositas schränken unser Wohlbefinden ein. Worin können die Ursachen liegen?

Auch bei diesen Symptomen und Erkrankungen zeigen immer mehr Studien, dass Veränderungen im Mikrobiom wie z. B. eine Dysbiose oder Fehlbesiedlung des Darmes, dafür ausschlaggebend sind. Ebenso spielt eine Störung des Miteinanders von Bakterien und Körperzellen eine große Rolle.

Ursachen sind häufige Medikamenteneinnahmen (vor allem Antibiotika) aber auch unser Lebensstil (Stress, zu viele negative Emotionen, falsche Ernährung oder zu viel Alkohol etc.). Das alles und vieles mehr führt oft zum Leakey Gut Syndrom, das - über Jahre unbehandelt - letztlich ernstere Erkrankungen wie auch Krebs auslösen kann. Dabei kommt es z.B. durch eine veränderte Zusammensetzung der Bakterienflora zu einer Entzündung der Darmschleimhaut und damit zur Auflösung der Tight junctions (Kittleisten). Der Darm wird löchrig, Bakterien und Toxine treten durch die Darmwand hindurch und gelangen über Blut und Lymphe in den Körper. Diese Auswirkungen führen zu einem erhöhten Risiko von darmassoziierten Erkrankungen. Dabei werden auch andere Systeme im Körper in Mitleidenschaft gezogen, wie z.B. das Immunsystem (Allergien, Autoimmunerkrankungen), das Gehirn (Depressionen, Autismus, Lern- u. Gedächtnisschwäche, Migräne, Angst- und Zwangsstörungen) oder die Haut (Neurodermitis, Ekzeme, Psoriasis).

Durch diese Erkenntnisse zeichnen sich in der Medizin neue Behandlungsmöglichkeiten ab. Was ist die Mikrobiomtherapie und wobei hilft sie?

Ja, durch die neuen Forschungen ergeben sich völlig neue Therapieansätze und Behandlungschancen. Mit der Mikrobiomtherapie besteht die Chance, auch bisher ganz schwierig zu behandelnde Krankheiten zu heilen bzw. zumindest zu lindern. Es ist eine Art „probiotische Medizin“, die ursachenbezogen therapiert und ganzheitlich arbeitet.

Bei Verdacht auf eine Fehlbesiedelung des Darmes erfolgt eine ausführliche Anamnese, körperliche Untersuchung und eine Laboruntersuchung der Darmflora mittels Stuhlanalyse. Nach der Diagnose erfolgen die entsprechenden Therapien. Hier kann die EM-Technologie mit ihren unterschiedlichen Produkten einen wertvollen Beitrag zur Reorganisation des gestörten Milieus leisten. Sie kann natürlich keinen Arzt ersetzen!

Unser Darm reagiert wie ein Seismograph auf unsere Lebensweise und auf Umwelteinflüsse. Wie können wir im Alltag unser Mikrobiom Darm gesund erhalten oder was baut das Mikrobiom auf?

Rund zwei Kilogramm Mikroorganismen tummeln sich bei uns im Bauch. Wir selbst können viel dazu beitragen, dass sie sich bei uns wohlfühlen und unsere Gesundheit positiv beeinflussen.

Wir können unsere Darmbakterien unterstützen, indem wir uns vor allem darmgesund und Mikrobiom freundlich ernähren: ballaststoffreich, ausgewogen aber vorwiegend pflanzlich, viel Fermentiertes, möglichst wenig Zucker und Weißmehlprodukte. Bei Bedarf ist es gut, gezielt Prä- und Probiotika zu uns zu nehmen, z. B. Manju und Multi Impuls.

Wichtig ist außerdem eine ausgeglichene, möglichst naturverbundene Lebensweise. Stress mögen die Darm-Bakterien gar nicht – daher sollten wir mehr Entspannung und Entschleunigung zulassen, moderat Sport betreiben und negative Denk- und Verhaltensmuster loslassen. All das geht natürlich nicht von heute auf morgen: Heilung ist ein Prozess und braucht seine Zeit. Wichtig ist aber, irgendwo anzufangen.

Das setzt immer Selbstreflexion voraus. Wir sollten unseren Lifestyle wieder mehr an den Kreisläufen der Natur orientieren, schlechte Gewohnheiten ablegen sowie giftige Stoffe meiden. Damit handeln und leben wir selbstverantwortlich und wertschätzend gegenüber dem Leben, der Umwelt und den Bakterien.

„Unsere Mikroorganismen sind nicht alles, aber ohne sie wäre alles nichts!“
So beschreibt es Jörg Blech, ein deutscher Journalist in seinem Buch „Das Leben auf dem Menschen“. Wie recht er doch hat! Ohne sie gibt es kein Leben und auch kein Überleben.                                                                       

Mehr zum Thema finden Sie hier:

  • Bernhard Kegel: Herrscher der Welt - wie Mikroben unser Leben bestimmen. DuMont, Köln 2015, ISBN 978-3-8321-9773-5
  • Sebastian Jutzi: Der bewohnte Mensch - Darm, Haut, Psyche; besser leben mit Mikroben. Heyne, München 2014, ISBN 978-3-453-60307-3
  • Anne Katharina Zschocke: Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit - Neueste Erkenntnisse aus der Mikrobiomforschung. Knaur Verlag 2014,                            ISBN 978-3-426-65753-9

 

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