(K)ein Bodenartikel von Robert Rotter - die Bedeutung der Böden

24.03.16 (K)ein Bodenartikel von Robert Rotter - die Bedeutung der Böden

„Ökologisches Denken und Handeln kann durch die EM-Technologie wunderbar unterstützt werden.“

(K)ein Bodenartikel von Robert Rotter

Multikosmos Ausgabe 00019

Das Jahr 2015 wird von der FAO (die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation) zum „Internationalen Jahr des Bodens“ ausgerufen. Ziel dieser Initiative ist es, die Bedeutung der Böden und die damit verbundenen Kreisläufe unserer modernen Gesellschaft wieder bewusst zu machen.

Es mag für viele – vor allem naturverbundene – Menschen befremdlich erscheinen, die Bedeutung und die Notwendigkeit des Schutzes unserer Böden extra hervorheben zu müssen. Bei genauerer Betrachtung, scheint es jedoch, als würde unsere Gesellschaft sehr bemüht daran arbeiten, sich selbst dieser Lebensgrundlage zu entziehen.

Grund und Boden- bereits unsere Sprache weist darauf hin, dass früher bewusst zwischen einer Quantität – Grund oder Fläche und einer Qualität – der Boden und dessen Eigenschaften unterschieden wurde. Boden ist somit nicht nur die Fläche auf der wir wohnen und uns bewegen, er ist vor allem die Voraussetzung für die Produktion von Lebens- und Futtermitteln. Ein funktionierendes Bodenleben unterstützt die Fähigkeit des Bodens als Filter- und Speichermedium für Niederschlagswasser zu wirken und ist somit auch für die Qualität unseres Trinkwassers von höchster Bedeutung. Der Boden ist aber auch Träger unserer Kulturlandschaft und Standort für alle Landpflanzen und wichtiges Bindeglied in den natürlichen Kreisläufen. Bereits 1972 wurde in der Bodencharta des Europarates ausdrücklich festgehalten, dass Boden aufgrund seiner Lebensraum- Regelungs- und Nutzungsfunktion neben Wasser und Luft zu den kostbarsten und damit schätzenswürdigsten Gütern der Menschheit gehören. Boden ist ein nicht vermehrbares Gut, für die Ernährung stehen derzeit jedem Menschen 0,2 ha zur Verfügung.

Es geht jedoch nicht nur um die Fläche allein, sondern neben natürlichen Faktoren wie Klima, Hanglage, Wasserverfügbarkeit… auch um die Art und Weise wie diese Böden bearbeitet werden. Vor allem das Zusammenspiel zwischen richtiger Bodenbearbeitung, Fruchtfolgen und einer konsequenten Kreislaufwirtschaft beeinflussen die Bodenfruchtbarkeit. Bodenfruchtbarkeit ist die Fähigkeit eines Bodens, Frucht zu tragen, d.h. den Pflanzen als Standort zu dienen und nachhaltig regelmäßige Pflanzenerträge von hoher Qualität zu erzeugen. Der Grundsatz „Ernähre deinen Boden und du ernährst deine Pflanzen“ war stets zentrales Element jahrtausende alter landwirtschaftlicher Kulturformen. Das Hauptaugenmerk der damaligen Landwirtschaft lag nicht in der Maximierung der Erträge sondern im Humusaufbau. Die konsequente Umsetzung der Kreislaufwirtschaft in Form organischer Düngung von Stallmist, Pflanzenrückständen, Gesteinsmehlen aber auch die Rückführung menschlicher Abfälle und Exkremente auf die Böden waren selbstverständlich. Die Erhaltung und Förderung der Bodenfruchtbarkeit stand an erster Stelle.

Die Gegenwart zeigt, dass dieses natürliche Verständnis für Boden und die damit einhergehenden Kreisläufe sich stark gewandelt hat. Unsere Gesellschaft lebt und wirtschaftet so, als wäre die Ressource Grund und Boden unbegrenzt verfügbar. So sind ca. 5 % der Gesamtfläche von Österreich als Bau- und Verkehrsflächen ausgewiesen, 40 % davon sind versiegelt. Der tägliche „Verbrauch“ für Siedlungs- und Verkehrstätigkeit liegt bei 7 ha, während der „Gesamtflächenverbrauch“ (inkl. Sport- und Lagerplätze, Werksflächen …) bei 22 ha liegt.

Dies entspricht im Jahr einer Fläche in der Größe von ca. 9.000 großen Fußballfeldern. Tendenz steigend.

Gesunde, funktionierende Böden schützen nicht nur das Grundwasser in dem sie Niederschlagswässer filtern und indem Schadstoffe durch das Bodenleben teilweise abgebaut werden, sie können auch durch ihre Speicherfunktion Hochwässern die extremen Spitzen nehmen. Je stärker Oberflächen versiegelt sind, desto geringer ist dieses Potential.

In einigen Bereichen wie z.B. der Landwirtschaft führt die zunehmende Nutzung und Verknappung der Ressource Boden zu einem intensiveren Nutzungsdruck. Die fortschreitende Technisierung und Intensivierung im Ackerbau führt zu Konflikten mit negativen ökologischen Auswirkungen.

Verdichtete Böden, Böden denen Humus und die damit verbundene mikrobiologische Lebendverbauung (Ton-Humuskomplexe) fehlen, Monokulturen u.v.m. führen zu einem Anstieg von Problemen wie der Erosion durch Wasser oder Wind. Pro Hektar gehen allein in Österreich jährlich sieben Tonnen mehr oder minder fruchtbaren Bodens verloren. Damit liegen wir innerhalb der EU im traurigen Spitzenfeld. Ein großer Teil des erodierten Bodens wird dann mit Flüssen weiterverfrachtet. Z.B. passieren einer Schätzung zufolge jährlich ca. 2.100.000 Tonnen erodiertes Material die Donau.

Dass dieser erodierte Oberboden unsere Lebensgrundlage darstellt, sollte jedem – vor allem aber den Bauern bewusst sein. Der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit und somit auch der Erhalt unserer Lebensgrundlage sollte somit an oberster Stelle stehen. Leider zeigt die Realität ein ganz anderes Bild: der Bauer von einst hat sich zum Betriebswirt gewandelt, dessen Ziel weniger darin liegt, vorhandene Ressourcen wie Humusgehalt und Bodenfruchtbarkeit zu erhalten oder sogar zu fördern, sondern der genötigt ist, seine Landwirtschaft und die darauf erfolgende Produktion von Lebensmitteln ausschließlich nach betriebswirtschaftlichen Kriterien zu führen. Somit stehen Produktionssteigerung, Kostenminimierung und Gewinnmaximierung als Kennzahlen im Vordergrund und definieren heute den erfolgreichen Landwirt. Gerade im Bereich der Landwirtschaft wird der Begriff „Wachse oder weiche“ gelebt und einer industrialisierten Landwirtschaft – mit allen Konsequenzen - Vorschub geleistet. So verdient nur noch jeder 20. Erwerbstätige in Österreich seinen Unterhalt in der Land- und Forstwirtschaft. Klein strukturierte Betriebe verschwinden zunehmend und viele Betriebe müssen sich, um wirtschaftlich überleben zu können, spezialisieren.

Reine Mast- Milch oder Zuchtbestriebe entstehen, die jedoch nicht mehr die Zeit und / oder Kapazität haben, sich auch um die Bewirtschaftung ihrer Böden zu kümmern. Arbeiten am Acker oder auf Wiesen werden an Dienstleister ausgelagert, die wiederum unter Zeitdruck mit immer größeren Maschinen und unabhängig von Witterung oder Bodenbeschaffenheit die ihnen aufgetragenen Arbeiten – mit teilweise verheerenden Konsequenzen für den Boden - durchführen. Monokulturen, Versalzung und Verdichtung der Böden, verstärkte Erosion, Diversitätsverlust, Gülletourismus, obligatorischer Herbizid- und Pestizideinsatz, verstärkte klimarelevante Emissionen aus der Landwirtschaft, sind Schlagworte, die u.a. der Industrialisierung der Landwirtschaft geschuldet sind.

Trotz einer – vor allem in den Industrieländern vorherrschenden Überproduktion an Lebensmitteln -leiden 12 % der Weltbevölkerung an Hunger. Dies bedeutet, dass jeder 8. Bewohner dieses Planeten von Hunger betroffen ist und alle 3 Sekunden ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterernährung stirbt. Im krassen Gegensatz dazu stehen die Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2012, die belegt, dass durch Massenproduktion der Lebensmittelindustrie, verbesserte Transportmöglichkeiten und auch durch vorproduzierte Nahrungsmittel mehr Menschen an den Folgen von Übergewicht sterben als an Mangelernährung. Es mag ironisch klingen, aber trotz oder vor allem aufgrund der fett- und zuckerreichen, hochkalorischen Ernährung der Bevölkerung der Industrienationen kommt es zu einer Fehl- und Mangelernährung an Vitalstoffen wie Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen. Der Ausspruch: „Wir verhungern vor vollen Töpfen“ bewahrheitet sich immer mehr, vor allem da viele Lebensmittel heute nur mehr einen Bruchteil an wertvollen Inhaltstoffen besitzen wie vor einigen Jahrzehnten. So enthalten z.B. Äpfel nur mehr 20 % an Vitamin C im Vergleich zu Äpfeln vor ca. 20 Jahren. Diese Tendenz lässt sich in vielen Bereichen, egal ob Obst, Gemüse oder Feldfrüchten wie Getreide oder Mais nachvollziehen. Inwieweit diese Entwicklung einer Mehrproduktion durch intensiven Einsatz mineralischer Dünger und Spritzmittel und Züchtung auf mehr Ertrag zuzuschreiben ist, mag jeder selbst beurteilen.

Ein weiterer Aspekt der Mehrproduktion hat auch zu einem Preisverfall bei Lebensmittel und der daraus resultierenden Geringschätzung der Wertigkeit dieser Lebensmittel geführt. So werden nach einer Schätzung aus dem Jahr 2010 allein in Österreich pro Person und Jahr über 200 kg Lebensmittel weggeworfen. Auch hier bewegen wir uns im unrühmlichen Spitzenfeld in der EU.

Nach einer Schätzung der FAO geht jährlich 1/3 der weltweit produzierten Lebensmittel verloren oder wird verschwendet. In den Entwicklungsländern liegt das Problem vor allem an mangelnden Lager- und Transportmöglichkeiten, während z.B. allein in der EU über 89 Millionen Tonnen an Lebensmitteln auf dem Weg zum Einzelhandel (durch Auslese von und Überangebot in den Märkten) verloren gehen oder vernichtet werden bzw. durch die Verbraucher weggeworfen werden. So wurden allein im Jahr 2007 1,4 Milliarden Hektar für den Anbau von Nahrungspflanzen und die Erzeugung von Milchprodukten und Fleisch benötigt, die letztendlich nicht verzehrt wurden.

Würden sämtliche Lebensmittel, die derzeit weggeworfen werden an Tiere verfüttert, würden Produktionsflächen frei werden, die wiederum 3 Milliarden Menschen ernähren könnten.

Mit 2050 wird die Weltbevölkerung die 9 Milliarden Grenze überschreiten, es werden somit ca. 2 Milliarden Menschen mehr auf dem Planeten sein als zur Zeit und eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion auf gleicher Fläche um 35 % gefordert. Beginnend mit 2003 wurde von über 500 Wissenschaftlern aus sämtlichen Forschungsbereichen über einen Zeitraum von 4 Jahren der Weltagrarbericht erarbeitet. Die Fragestellung lautete: Wie kann die zukünftige Weltbevölkerung bei Schonung und Erhalt der natürlichen Ressourcen und Reduktion der klimarelevanten Emissionen ausreichend ernährt werden. Ein klares Ergebnis im Hinblick auf die Industrielle Landwirtschaft war die Aussage des Berichtes: „Business as usual is not an option.“ Die im Rahmen dieses Berichtes empfohlenen Strategien wurden nur mit sehr geringer Begeisterung aufgenommen und werden mit –wie es scheint – noch geringerer Begeisterung – wenn überhaupt - umgesetzt.

Bereits im vorigen Jahrhundert haben einige Wissenschaftler und Praktiker wie das Ehepaar Müller, Ehrenfried Pfeiffer, Margareth Sekera, Raoul Francé, Masaru Fukuoka, Albert Howard, Gerhard Preuschen oder Hans Peter Rusch und viele mehr auf die Bedeutung des Erhaltes der Bodengesundheit und -fruchtbarkeit und die mit Bodenschwund einhergehenden Probleme hingewiesen. Kernaussage war stets, dass diese Probleme ausschließlich mit ökologischem Denken und Handeln gelöst werden können.

Da Böden (neben unserem Trinkwasser, Artenvielfalt u.v.m.) ein nur begrenzt verfügbares Gut sind, bedürfen sie tatsächlich des Schutzes vor Raubbau und Zerstörung und müssen in ihrer Funktionalität erhalten werden. Um auch künftigen Generationen noch als Lebens und Erlebensgrundlage zur Verfügung zu stehen, hoffe ich, dass das kommende „Internationale Jahr des Bodens“ tatsächlich die Bedeutung und den Wert unserer Böden wieder in unser Bewusstsein zu rücken vermag und wir zu der alten Erkenntnis kommen, dass das biologisch Richtige auch das (auf lange Sicht gesehen) wirtschaftlich günstigste ist.

Mag. Robert Rotter ist Ökologe / Limnologe.

Als langjähriger EM-Anwender, Vortragender und EM-Berater von Multikraft folgt er dem Motto:

„Ökologisches Denken und Handeln kann durch die EM-Technologie wunderbar unterstützt werden.“

Robert Rotter ist Pächter einer Landwirtschaft, die im Nebenerwerb seit über 20 Jahren biologisch bewirtschaftet wird – die Bewirtschaftung des Ackerbaubetriebes erfolgt mit dem langfristigen Ziel,
die Böden aufzubauen und eine natürliche Bodenfruchtbarkeit für künftige Generationen zu erhalten.

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