Engagement für Klima und Boden

21.11.19

Dr. Kurt Weinberger ist als Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung und als Vorsitzender des Universitätsrates der Universität für Bodenkultur mit Sitz in Wien tätig. Seit rund 15 Jahren engagiert er sich für mehr Klima- und Bodenschutz in Österreich.

Der gebürtige Oberösterreicher Dr. Kurt Weinberger lebt am Wochenende auf dem Bauernhof der Familie in Aichkirchen bei Lambach. Als Risiko- und Finanzmanager ist er bekannt dafür, sich für den Erhalt unserer Lebensgrundlage Boden einzusetzen, und bekommt damit sehr viel Zustimmung. Multikosmos hat mit Dr. Weinberger gesprochen.

Mit dem Klimawandel gehen Wetterextremereignisse einher. Die Zunahme an Dürre, Hochwasser oder Hagel trifft vor allem Bauern mit ihrer Werkstatt unter freiem Himmel. Welche Auswirkungen stellen Sie fest?

Noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war es in Österreich und global so heiß wie im Jahr 2018. Zum Leidwesen der Landwirtschaft als Klimaopfer Nummer eins. Der Klimawandel ist also nichts Abstraktes, sondern in der Lebensrealität aller Menschen angekommen. Tag für Tag steigt die CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Sie wird quasi als Mülldeponie missbraucht und die ist nun beinahe voll. Die Menschheit sägt, wenn wir so weitermachen wie bislang, an ihrem eigenen Ast. Therapieansätze gibt es. Eine vollständige Heilung ist aber laut Wissenschaft jetzt bereits ausgeschlossen. Es braucht dringend einen gesellschafts- bzw. wirtschaftspolitischen Wandel und ein Umdenken jedes Einzelnen. 


Wetterbedingte Ernteausfälle bringen landwirtschaftliche Betriebe oftmals in existenzielle Bedrängnis. Was können Landwirte tun, um diesen zunehmenden Herausforderungen zu begegnen?

Die standortgebundene Landwirtschaft ist mit ihrer Werkstatt unter freiem Himmel als erste und am stärksten von den zunehmenden Unwetterextremen betroffen. Keine Ernte bedeutet keinen Ertrag und demnach kein Einkommen für die 365 Tage im Jahr arbeitenden Landwirte. Wir als agrarischer Spezialversicherer können den wirtschaftlichen Schaden abfedern. Dazu bieten wir die umfassendste Produktpalette und die modernste Schadenserhebung Europas an und stellen unseren versicherten Kunden kostenlose Servicetools zur Betriebsoptimierung zur Verfügung.

Welche Rolle spielt Ihr Einsatz für gesunde Böden im Zusammenhang mit Landwirtschaft und Klimaschutz?

Der Boden ist ein wichtiger CO2- sowie Wasserspeicher und ist essenziell zur Lebensmittelproduktion. Nur mit ausreichend guten und gesunden Böden sind wir in der Lage, die Selbstversorgung nicht weiter zu gefährden. Beim Brotgetreide haben wir mittlerweile nur mehr 85 % Selbstversorgung. Doch wir verbauen täglich rund 12 Hektar oder umgerechnet 20 Fußballfelder. Dabei sind wir in vielen Disziplinen Europameister im negativen Sinn: Mit 1,67 m² haben wir die höchste Supermarktfläche pro Kopf, mit 15 Meter das dichteste Straßennetz und mit 40.000 Hektar (entspricht der Fläche der Stadt Wien) den höchsten Leerstand. Dabei gibt es ein Ziel. Laut Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung aus dem Jahr 2002 (!) ist der tägliche Bodenverbrauch auf maximal 2,5 Hektar zu begrenzen. Das Ziel haben wir klar verfehlt. 


Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Wissenschaft und Forschung bei der Bewältigung der Klimakrise?

Eine Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist für Lösungsvorschläge unverzichtbar, um die gesetzten Klima- und Nachhaltigkeitsziele auch verwirklichen zu können. Wir müssen bewusst machen: Ökonomie und Ökologie sind keine Gegensätze, sondern – vernünftig eingesetzt – ergänzen sie sich gegenseitig. Genau darauf setzen heute intelligente Volkswirtschaften und kluge Unternehmen. Als Vorsitzender des Universitätsrats der Universität für Bodenkultur ist es mir ein besonderes Anliegen, Klimaschutz mit Wirtschaft und Wissenschaft noch enger zu verknüpfen. 

Klimaschutz erfordert einen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Wandel ebenso wie ein Umdenken jedes Einzelnen. Wo ist Ihrer Meinung nach dringend anzusetzen?

Eine konkrete Therapie, national und international, ist erforderlich. Seit den 80er-Jahren gab es viele internationale Abkommen: Toronto, Kyoto, Paris und die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen. National wird in den nächsten 5 Jahren so viel in die umweltfreundliche Schiene investiert wie noch nie – nämlich 15 Milliarden Euro. Das freut mich auch als stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der ÖBB-Holding. Wir müssen aber auch weg von der fossilen Energie hin zu nachwachsenden Rohstoffen. Wir brauchen eine Reduktion des Bodenverbrauchs auf maximal 2,5 ha pro Tag und ein klares Bekenntnis zur Regionalität. Noch hat allerdings die Therapie, so ehrlich muss man sein, weder international noch national so richtig gegriffen.  


Mit dem Klimaschutz geht auch die Verantwortung für unsere Kinder und Enkelkinder und damit auch für die nachfolgenden Generationen in der Landwirtschaft einher. Wie kann hier nachhaltige Bewusstseinsarbeit geleistet werden? 

Als Risiko- und Finanzmanager habe ich keine Berührungsängste mit dem Begriffen Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Im Gegenteil: Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind zentrale Treiber für Jobs und Wohlstand in unserem Land. Wer hier auf die Bremse tritt, schadet unserer Volkswirtschaft, und wir werden sehr verletzbar. Bei allen Interessen, welche die Menschheit heute verfolgt, dürfen wir eines für die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder nicht vergessen: Die Erde ist uns nur geliehen. Wir haben die verantwortungsvolle Aufgabe, sie an unsere Kinder und Enkelkinder in einem ordentlichen Zustand weiterzugeben. Daher müssen wir diese essenzielle und existenzielle Frage der Klimakrise lösen. Und eines dürfen wir nicht vergessen: Ein Land, das seine Böden wie Österreich durch Verbauung zerstört, zerstört sich à la longue selbst. 

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