Die Welt von morgen - Wie Leben und Wirtschaften ohne Chemiekeule möglich werden

16.07.19 Die Welt von morgen - Wie Leben und Wirtschaften ohne Chemiekeule möglich werden

Sie kommen auf dem Acker zum Einsatz, im Anbau von Gemüse und Obst, auch in Parks, auf Spielplätzen und in Gärten. Dass Pestizide die Artenvielfalt bedrohen und unsere Gesundheit gefährden, rückt ins Bewusstsein und ist dennoch umstritten. Wie so vieles in unserer vernetzten Welt ist es ein komplexes Thema und eines, das uns als gesamte Gesellschaft herausfordert. Wie können Pestizide reduziert werden?

Dazu sind individuelle Schritte im eigenen Garten ein guter Ansatz. Darüber hinaus braucht es dringend strukturelle Veränderungen, Gesetzgebungen, die dem weltweit maßlosen Verbrauch Einhalt gebieten.
Das heißt auch, die Hersteller von Pestiziden und ihre Lobby in die Pflicht zu nehmen. Es ist höchste Zeit für eine Kehrtwende. Einige Best-Practice-Beispiele gibt es schon. Als sogenannte Pflanzenschutzmittel sind Pestizide eine unterschätzte Gefahr, wie Ökologe Johann Zaller in seinem Buch „Unser täglich Gift“ schreibt. Allein bei den Aufwandmengen zeigt sich in den letzten Jahrzehnten eine rasante Dynamik.
1966 wurden in Großbritannien beim Anbau von Zwiebeln gerade einmal zwei Sorten Pestizide eingesetzt, 2015 waren es 33. In Österreich hat sich die Anzahl zugelassener Pestizide von 1996 bis 2017 um ganze 100 % gesteigert. Laut Stand 2018 sind in Österreich 353 Produkte allein für den Privatgebrauch im eigenen Garten ohne Sachkundenachweis zugelassen. 

 

Was wissen wir wirklich?
„Wir hantieren mit Substanzen, von deren Nebenwirkungen wir viel zu wenig wissen,“ so Johann Zaller, der an der Wiener Universität für Bodenkultur zu Pestiziden forscht. „Allein die Tatsache, dass zugelassene Pestizide immer wieder vom Markt genommen werden müssen, weil man nach langjähriger Anwendung gravierende Nebenwirkungen für unsere Umwelt oder Gesundheit entdeckt, sollte uns skeptisch werden lassen.“
Von den Herstellern beworben, wurde es also Usus, Pestizide großflächig und vorbeugend zu verwenden. Es wird oft schon gespritzt, noch bevor eine Pflanze von Schädlingen befallen ist. Johann Zaller: „Problematisch ist sicher auch unsere Einstellung gegenüber allem, was kreucht und fleucht. Viele greifen instinktiv zum Gift, ohne zu überlegen, warum eigentlich. Wir könnten ja einfach mehr Leben und Vielfalt rund um uns tolerieren, gerade im Privatbereich, wo keine ökonomischen Zwänge herrschen.“
Landwirtschaft und Gemüsebau sehen sich in den letzten Jahrzehnten durch globale Marktdynamiken enorm unter wirtschaftlichen Druck gesetzt. Vier große Agrarkonzerne bestimmen darüber, was Landwirte weltweit auf ihren Feldern säen, spritzen und ernten. Saatgut und Pestizide werden oftmals im Doppelpack verkauft. Ein gigantisches Milliardengeschäft – jemand profitiert und ganz viele zahlen den Preis. Eine Rechnung, die langfristig nicht aufgehen kann.
Um Verbraucher und Umwelt vor Risiken im Lebensmittelbereich zu schützen, überprüfen Behörden für Gesundheit und Ernährungssicherheit das erzeugte Obst und Gemüse auf Rückstände.


Also alles im grünen Bereich?
Solange Rückstände von Pestiziden in Obst und Gemüse unter den gesetzlich festgelegten Grenzwerten liegen, sollte ja alles in bester Ordnung sein. Oder etwa nicht? „Die Grenzwerte mögen zwar niedrig erscheinen, gelten jedoch immer nur für einzelne Substanzen,“ erklärt Johann Zaller, „Niemand weiß wie sich die vielen Pestizide, die im Laufe der Saison auf die Felder gelangen, gegenseitig beeinflussen. Wir wissen aus wissenschaftlichen Studien, dass mancher Stoff allein betrachtet keine Wirkungen zeigt, im Zusammenspiel mit anderen Stoffen aber synergistische Effekte mit sich bringt. Solche Effekte werden bei der Festlegung von Grenzwerten nicht berücksichtigt.“


Fragwürdige Tests
Nun gibt es doch viele Tests und Studien, welche die Unbedenklichkeit der Wirkstoffe belegen und zum Beispiel dazu führen, dass die Zulassung des Herbizids Glyphosat 2017 in der EU für fünf Jahre verlängert wurde. Es wurde als „wahrscheinlich nicht krebserregend“ eingestuft. Wie Ergebnisse solcher Studien zustande kommen ist fragwürdig.
Johann Zaller gibt einen kleinen Einblick: „Ein Pestizid besteht aus einem Wirkstoff, dem eigentlichen Gift und einer Reihe von Beistoffen, die die Löslichkeit des Giftes oder deren Anhaftung an Blättern verbessern. Die meisten Tests werden nur mit dem reinen Wirkstoff durchgeführt. Es gibt keine Tests zur Wechselwirkung mehrerer Pestizide, sogenannten Cocktail-Effekten. Die Bedeutung der Pestizidabfolge, also wenn ein Herbizid nach einem Fungizid oder Insektizid oder in anderer Reihenfolge ausgebracht wird, ist völlig unklar. Ignoriert werden auch mögliche Effekte über mehrere Generationen von Organismen.“ Noch dazu werden die Studien geheim gehalten und von den Herstellern selbst in Auftrag gegeben. Ergebnisse werden präsentiert, nicht aber, wie es zu diesen kommt. „Hier besteht enormer Verbesserungsbedarf. Das Europäische Parlament hat heuer beschlossen, dass künftige Studien veröffentlicht werden müssen, damit sie von unabhängigen Wissenschaftlern überprüft werden können.“ Ein wesentlicher Schritt für Konsumenten ebenso wie für Produzenten. Es braucht strukturelle Veränderungen und praxistaugliche Alternativen, damit Ernährung ebenso sichergestellt wird wie der Bestand der zumeist familiär geführten Betriebe in Landwirtschaft und Gartenbau.

 

Gute fachliche Praxis
Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet der integrierte Landbau nach der Devise, so wenig chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel als möglich einzusetzen. Bio-Landbau stützt sich auf eine fachliche Praxis, die biologische, pflanzenstärkende sowie anbau- und kulturtechnische Maßnahmen verbindet. „Bei der guten fachlichen Praxis geht es auch um umweltgerechte Düngung, Erhalt der natürlichen Bodenfruchtbarkeit, standortangepasste Bewirtschaftung, Schutz von Biotopen, Schutz des Grünlandes, Gewässerschutz sowie um ausgewogene und artgerechte Tierhaltung.“


Strukturelle Unterstützung
Angesichts globaler Marktdynamiken brauchen landwirtschaftliche Betriebe strukturelle Unterstützung, damit sie Pestizide reduzieren können, ohne um ihre Erträge und Existenz fürchten zu müssen. Johann Zaller zeigt dazu Wege auf: „Es gibt viele effiziente mechanische Methoden, die zum Beispiel alternativ zum Herbizideinsatz eingesetzt werden können. Betriebswirtschaftlich rechnen sich diese Methoden derzeit nicht, weil die Pestizide extrem quersubventioniert werden und generell viel zu billig sind. Die Kosten, die Pestizide verursachen – von gesundheitlichen Auswirkungen über die Rückstandskontrollen bis zur Trinkwasserreinigung – werden ja auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Unterstützung für Landwirte zur Pestizidreduktion gibt es zum Teil schon über entsprechende Förderprogramme. Wichtig wäre auch ein Informationsnetzwerk von Landwirten für Landwirte über Erfahrungen zur Pestizidreduktion und zu eingesetzten alternativen Methoden. Die Wissenschaft ist mit praxisnaher Forschung auch gefordert.“


Skandinavischer Weg
Um die Aufwandmengen zu reduzieren, gibt es in einigen skandinavischen Ländern seit mehreren Jahren eine Pestizidsteuer. Dadurch konnten Pestizidmengen drastisch reduziert werden, deren Einsatz hat sich für Landwirte einfach nicht mehr gerechnet. Hierzulande sehen Bauernverbände darin eine weitere Belastung für die Landwirtschaft. Wie steht Ökologe Johann Zaller zu der Debatte, kann eine Pestizidsteuer als sinnvolle Maßnahme umgesetzt werden?
„Diese Pestizidsteuer könnte gestaffelt sein. Substanzen, die besonders gefährlich für Menschen und unsere Mitwelt sind, sollten höher besteuert werden als weniger gefährliche Produkte. Die Landwirtin und der Landwirt können selbst entscheiden welche Pestizidprodukte für sie ökonomisch sinnvoll sind. Die aus so einer Pestizidsteuer eingenommenen Mittel müssten natürlich zweckgebunden werden, etwa für die Bereiche, die jetzt von anderen Steuereinnahmen von der Allgemeinheit bezahlt werden:
die Kosten für die Kontrolle von Pestizidrückständen, für die Trinkwasserreinigung, für eine Pestizidberatung unabhängig von der Industrie oder für unabhängige Forschung zur Auswirkung der Pestizide.“
Das heißt, es sollten alle Pestizide besteuert werden. Die Einführung einer Abgabe würde also nicht nur für Betriebe in der Landwirtschaft gelten, sondern auch für Gewerbebetriebe und Hotels, für die Bahn sowie Flughäfen, Privatgärten und Kommunen, die ihre Grünflächen mit Pestiziden behandeln.

Für Johann Zaller ist die Forderung nach einer Pestizidsteuer sinnvoll. „Sie ist vielleicht ein bisschen unmodern, da die Politik bei Umweltthemen gerne auf freiwillige Maßnahmen setzt. Die steigenden Pestizidmengen in den letzten Jahrzehnten und die erdrückende Datenlage über gravierende Auswirkungen auf die Biodiversität und menschliche Gesundheit verlangen aber nach zügiger Umsetzung und Änderung und nicht nach einem Weitermachen wie bisher.“


Aus den Augen, aus dem Sinn
Ein Weitermachen wie bisher würde noch mehr in eine Sackgasse führen. Wie gesagt, es ist ein gesamtgesellschaftliches und komplexes Thema. Politik, Landwirtschaft und Konsumenten sind bei neuen Lösungen gefordert, nicht zu vergessen die Hersteller und Lobby von Pestiziden. Ein weiterer Ansatzpunkt ist Pestizide nicht mehr in Gartenzeitschriften, an Landwirtschafts- oder Gartenbauschulen zu bewerben und stattdessen ökologische, praxistaugliche Alternativen aufzuzeigen.
Johann Zaller: „Ein Werbeverbot kann nur durch gesetzliche Vorgaben umgesetzt werden. Zigarettenwerbung war ja früher auch allgegenwärtig und wird heute von niemandem vermisst. Natürlich werden sich die Konzerne wehren, aber es ist ethisch nicht vertretbar, für Produkte zu werben, die für unsere Mitwelt und für uns Menschen schädlich sind.“

Vielseitiges Umdenken
Wollen wir als Gesellschaft weiterhin für Mensch und Umwelt schädliche Chemikalien ausbringen oder neue Wege gehen, die auch neue Regulative erfordern? Johann Zaller: „In Frankreich gibt es seit ein paar Jahren ein Verbot des Einsatzes von Pestiziden auf öffentlichen Plätzen und seit heuer sind in Frankreich chemisch-synthetische Pestizide für den Privatgebrauch verboten.“
In der Schweiz, in Skandinavien, in Deutschland und Österreich arbeiten Initiativen daran, Pestizide zu reduzieren und das Bewusstsein für Biodiversität zu stärken, denn in Gärten, auf Wiesen und Feldern ist es stiller geworden. Drei Viertel aller Insekten sind in den letzten drei Jahrzehnten verschwunden. Bienen, Wildbienen und Schmetterlinge sind gefährdet. Im Kreislauf der Natur brauchen Vögel die Insekten als Nahrungsgrundlage. 56 % des Bestandes an Feldvögeln wie Kiebitz, Feldsperling oder Feldlerche sind laut Europäischem Vogelzählrat von 1980 bis 2016 in der EU verschwunden. Versiegelung der Flächen, weniger Blühpflanzen und die hohen Aufwandmengen an Pestiziden gehören zum Mosaik der Ursachen. In diesem Spannungsfeld braucht es ein Umdenken von vielen Seiten. „Mehrere Studien belegen, dass wir die Menschheit sehr wohl ohne chemisch-synthetische Pestizide ernähren können. Es wird nicht gelingen, wenn wir mit den derzeitigen Strukturen weitermachen. Es wird nur funktionieren, wenn wir unsere fleischlastige Ernährung umstellen, wenn wir weniger Lebensmittel verschwenden, wenn wir die vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen ressourcenschonender nutzen und die Biodiversität hochhalten,“ so Johann Zaller, der im Gespräch ab Seite 10 noch näher auf das Thema Insektenschutz eingeht. Es braucht konkrete Schritte, um aus einer komplexen wie schädlichen Dynamik herauszufinden. Es braucht Verantwortung, damit wir die Welt von morgen kinder- und enkeltauglich gestalten.

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