Der Weg zur Biozertifizeirung

25.03.16 Der Weg zur Biozertifizeirung

Andrea Servos ist Diplom-Gartenbauingenieurin aus Augsburg. Sie begleitet die Stiftung Attl seit Ende 2011 im Rahmen eines vom Bund geförderten Biozierpflanzenprojektes auf dem Weg zur Biozertifizierung.

Offenheit und der Wunsch, einen anderen Weg zu gehen

Multikosmos Ausgabe 00020

Wie wurde Ihr Verständnis für den Umgang mit dem Reichtum von Böden und Pflanzen geprägt?

Als Kind habe ich gerne im Wald, auf den Wiesen und am Fluss gespielt. Ich bin in einer konventionellen Landwirtschaft groß geworden, wobei mein Vater anders zu denken begann und von konventionellen Mitteln weg ging. Durch unseren Garten bin ich zum Gartenbaustudium gekommen. Bei meiner Diplomarbeit über Nützlingseinsatz sah ich wie Konfidor, eines dieser Neonikotinoide, die beim Bienensterben mit im Spiel sind, gespritzt wurde und Marienkäferlarven daran starben.  Ich habe einfach gemerkt:  „Nee, das will ich so nicht, es muss andere Wege geben“. Wichtig für meine Arbeit im Zierpflanzenbau war auch ein Projekt beim Pflanzenschutzdienst in Bonn, bei dem ich die Pflanzenhomöopathie kennenlernte.

Was braucht es, damit ein Produktionsbetrieb im Zierpflanzenbau biozertifiziert werden kann?

Offenheit. Den Wunsch, einen anderen Weg zu gehen. Flexibilität und Interesse. Im Gegensatz zum konventionellen Bereich geht es darum, in Zusammenhängen und vorbeugend zu denken. In der Gärtnerei Attl schätze ich, wie aus Beobachtungen heraus Dinge weiterentwickelt werden.

Wie lange braucht es, bis ein Betrieb biozertifiziert wird?

In Deutschland sind es auf dem Acker drei Jahre, die erst einmal biologisch bewirtschaftet werden müssen, bevor Gemüse als biologische Ware verkauft werden darf. Im Topfbereich muss man keine Böden entgiften,  da kann man nach zwei Jahren loslegen.

Worauf achten Sie besonders?

Wir haben ein neues Pflanzenschutzgesetz, Mittelverfügbarkeiten und Anwendungsarten haben sich dadurch verändert. Wir achten darauf, ganz gesetzeskonform zu sein. Die Umstellung braucht einfach Zeit. In der Entwicklung der Arbeitsweisen zusammen zu halten und einander zu motivieren, finde ich wichtig, weil es vor allem auch um die Umstellung in unseren Köpfen geht.

Wie sieht Ihre Arbeit dabei konkret aus?

Wir nehmen in den Zierpflanzenbau, der ja besonders in Töpfen vollzogen wird, das Grundwissen über gesunde Böden mit hinein. Es geht darum, den Torfanteil zu reduzieren, er beträgt maximal 50%, bei Anzuchterde maximal 80%. Wir arbeiten mit Torfersatzstoffen wie Holz oder Kokos. Mit 20% qualitätsvollem Kompost kommt die Mehrzahl der Pflanzen gut zurecht und die Versorgung mit Mikronährstoffen ist gewährleistet. Die Art und Menge der organischen Aufdüngung ist im Freilandbereich viel einfacher. Zierpflanzen lassen sich nicht unter einem Hut bringen. Sie sind die Königsdisziplin und es gilt bei der Aufdüngung viele Faktoren zu berücksichtigen. Hauptbausteine im Biozierpflanzenbau sind für mich Mikroorganismen, organische Komplexe, die sie wiederum füttern und die Pflanze gut versorgen, Pflanzenextrakte und feinstoffliche Mittel wie Homöopathie. Es gibt ein Grundkonzept und dann geht es Schritt für Schritt darum, Erfahrungen zu sammeln und so nach und nach organische Mittel dazu zu nehmen und chemische Mittel wegzulassen. Die Regelmäßigkeit in allem was man in der Vorbeuge und Pflanzenstärkung tut, ist wichtig.

Worin sehen Sie den Sinn, Schritt für Schritt denken und handeln umzustellen?

Wenn wir uns selber wertschätzen, dann gehen wir auch mit Pflanzen und Tieren respektvoller um. Ich glaube nur so kommen die Landwirtschaft und der Gartenbau aus dem enormen Preisdruck heraus. Die Betriebe nehmen  viel Geld und Zeit in die Hand, um auf Bio umzustellen und müssen dann unter dem Preis verkaufen. Gärtner können Konsumenten wieder Wertschätzung für Pflanzen vermitteln. Schön ist, wenn bereits Kinder in Gärtnereien kommen, Samen säen und sehen, wie Pflanzen aufblühen und wie es sie zu schützen gilt. Ich sehe es hier in der Gärtnerei Attl, wie Menschen voll Freude mit den Pflanzen arbeiten und wie sie aus sich heraus aufblühen.

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