Bewusste Gegengewichte im Handeln - Bewusstsein für heimische Qualitätsprodukte

24.03.16 Bewusste Gegengewichte im Handeln - Bewusstsein für heimische Qualitätsprodukte

Der Begriff „Regionalität“ ist derzeit in aller Munde und regionale Produkte finden sich verstärkt in den Einkäufen bewusst lebender ÖsterreicherInnen wieder.

Bewusste Gegengewichte im Handeln

Multikosmos Ausgabe 00019

Es mag komisch anmuten, dass man heute die Bedeutung der Regionalität und die früher ganz normale Nähe der Produzenten zu den Konsumenten extra wieder betonen muss. Doch gerade die Sicherung der Produktion einer ausreichenden Menge und Qualität an Nahrungsmitteln vor Ort (Versorgungssicherheit) ist in einigen Industrieländern aufgrund der Entwicklung und einem immer besser ausgebauten Transportsystem nicht mehr „benötigt“ und somit auch nicht mehr gegeben. Diese Entwicklung geht jedoch mit einer zunehmenden Abhängigkeit und Fremdbestimmung einher, die vielen Konsumenten gar nicht in allen Ausmaßen bewusst ist. Ein kleiner Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch wie weitreichend die Konsequenzen unseres Konsums sind. Besaß Europa noch vor wenigen Jahrzehnten eine blühende Textil- und Schuhindustrie, so hat sich diese durch unser Konsumverhalten a la „Geiz ist geil“ in Billiglohnländer verlagert. Mit dem Effekt dass dieser früher so große mit hunderttausenden Arbeitsplätzen verbundene Industriezweig in Europa so gut wie nicht mehr existiert. Ähnliches passiert leider seit längerer Zeit auch (aber nicht nur) in Österreichs Landwirtschaft. Auch hier haben Technisierung und betriebswirtschaftliche Überlegungen und Systeme zu einer Industrialisierung der Landwirtschaft beigetragen und fördern den Verlust einer vielfältigen und kleinstrukturierten Landwirtschaft.   

 

Doch in der globalen Welt der großen Handelsketten sind die Bedingungen hart. Im internationalen Wettbewerb können Kleinbauern mit großstrukturierten landwirtschaftlichen Betrieben nicht mithalten. Diesen bereits seit Jahrzehnten anhaltenden Verlauf bestätigt die Agrarstrukturerhebung 2013 der Statistik Austria. In Österreich geben jährlich rund 2.300 Landwirte auf. Damit einher geht ein Trend zu größeren Einheiten. Bei Schweinen zum Beispiel hat sich seit 1995 der durchschnittliche Bestand pro Betrieb fast verdreifacht und reicht trotzdem für viele Landwirte heute nicht mehr zum Überleben. So wurde z. B. 1946 die nicht-gewinnorientierte Genossenschaft LGV Frischgemüse in Wien mit rund 1060 Gemüsebaubetrieben  LGV gegründet, Heute sind es nur mehr 110  „Einzelne Betriebe sind den großen Handelsketten und ihrer Preispolitik ausgeliefert. Deshalb sindstarke Erzeugergemeinschaften gerade für Familienbetriebe wichtig.

Für Energie, Arbeitskraft und Kulturraum braucht es entsprechende Abgeltung und muss ein bestimmter Prozentsatz vom Preis beim Erzeuger bleiben.“ erläutert Karl Herret, Leiter der Planungsabteilung bei der LGV.

Das Preisdiktat zerstört kleine Betriebe und damit regionale Strukturen. Megabetriebe der Lebensmittelproduktion schaffen es, Waren wie Gemüse und Fleisch um ein Vielfaches preiswerter zu produzieren. Durch niedrige Sozialstandards, Energie- und Lohnkosten am Produktionsstandort entsteht eine enorme Verzerrung der Preise beim Endprodukt und führt unter anderem auch dazu, dass Lebensmittel im großen Stil an Börsen gehandelt werden.  Zusätzlich sind Transportkosten aufgrund dieser Niedriglohnpolitik heutzutage ein vernachlässigbarer Faktor. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern kann inn Österreich weder Gemüse noch Fleisch  dermaßen günstig produziert werden. In der Produktion von Gemüse treten allein schon aufgrund klimatischer Vorteile  Europas Süden ebenso wie Deutschland, die Niederlande und Länder aus Übersee mit Voraussetzungen auf den Markt, die es in Österreich nicht gibt.

In Kombination mit den erwähnten niedrigen Erzeugungs- und Transportkosten passiert es folglich immer wieder, dass die Handelsketten die vorhandenen billigeren Produkte importieren und die  heimischen Betriebe auf ihrer Ernte sitzen bleiben. Gerade bei Frischwaren sind Bauern auf die Abnahme angewiesen. Eine Reihe von ihnen verkauft ihre Ernte deutlich unter den Erzeugungskosten, um sie nicht gänzlich vernichten zu müssen. Zahlreiche Bauern beklagen durch diese Marktmechanismen deutliche Einnahmenausfälle und ringen um Bestehen und Fortführung ihrer als Familienbetrieb geführten Höfe. Angemessene Preise und faire Handelsbeziehungen  fördern die heimische Produktion. Ein Weg zu mehr Fairness im Wettbewerb wäre auch mehr Transparenz in der Kennzeichnung der Lebensmittel auf Verpackungen und Speisekarten. Woher die Zutaten bezogen werden, wird meist nicht deutlich deklariert. Erzeugerbetriebe und Lebensmittelketten werben zwar mit Regionalität, finden dabei im Kleingedruckten allerdings zahlreiche Schlupflöcher. Bei Frischfleisch wird mit April 2015 von der EU die verpflichtende Herkunftskennzeichnung eingeführt. Für Frischfleisch und Frischgemüse garantiert das rot-weiß-rote AMA-Gütesiegel mit strengen Kontrollen die heimische Herkunft.

 

Mit ihrem Kaufverhalten können Konsumenten wesentlich zum Erhalt von regionaler Qualitätsproduktion, von Zukunftschancen bäuerlicher, kleinstrukturierter Betriebe und einzigartiger Kulturlandschaften beitragen. Laut Erhebung 2009/10 der Statistik Austria rangieren die Ausgaben für Ernährung mit rund 12% erstmals an vierter Stelle nach den Bereichen Wohnen, Verkehr und Freizeit.(So wurden 1950 noch 45 % des Einkommens und 1980 immerhin noch 24 % für die Ernährung ausgegeben. Unsere Nahrungsmittel sind somit so günstig wie nie zuvor.   Es braucht also das Bewusstsein, dass gute Ernährung wertvoll ist und auch einen gebührenden Preis kosten darf und soll.. Es zählt nicht nur die Qualität sondern, auch der Mehrwert von Fleisch, Milchprodukten und Gemüse, die regional, ressourcenschonend und naturnahe produziert werden.. Viele Menschen denken um. Sie kochen und essen vermehrt saisonal, nutzen lokale Bezugsquellen und sind bereit, faire Preise zu bezahlen.

Optimistisch betrachtet wandeln sich derzeit Bewusstsein und Kaufverhalten bei mehr und mehr Menschen. In ihnen keimt der Wunsch nach hochwertigen Lebensmitteln, die regional, ökologisch und zu fairen Bedingungen produziert werden. Lokal verankerte Initiativen wie Lebensmittelkooperativen und Zusammenschlüsse von Bauern zur Direktvermarktung sprießen aus dem Boden. Ab-Hof-Verkauf erfreut sich zunehmender Beliebtheit und so manche Firmen holen bereits die gesunde Jause für die Belegschaft direkt von den Höfen vor Ort.

  Unter dem Motto „Fleisch als Beilage“ werden Konsumenten motiviert kleinere Mengen hochwertiges Fleisch von heimischen Bauern zu beziehen, dies  ist langfristig preiswerter, als täglich importiertes Billigfleisch. . Initiativen wie „Nets.werk“ organisieren über Internet die Bestellung für Lebensmittel direkt von lokalen Bauern und richten kleine Läden für den Verkauf ein. Märkte, die schon eingeschlafen waren, boomen wieder und auch der Ab-Hof-Verkauf floriert zusehends.

Wege der Direktvermarktung beschreitet auch Gabriele Wild-Obermayr, auf deren Gemüsehof regelmäßig ein Bauernmarkt mit saisonalen Gemüse und Obst sowie vielen bäuerlichen Spezialitäten abgehalten wird.

„Direkte Schienen sind wichtig und bilden gute Gegengewichte. Das motiviert und richtet den Blick auf positive Alternativen. Durch die Direktvermarktung haben wir guten Kontakt zu den Konsumenten und können viel unmittelbarer auf Wünsche reagieren. Das Sortiment unseres Gemüses formen die Konsumenten mit. Wir haben auch ein aufgeschlossenes Publikum für Raritäten.“ schildert Gabriele Wild-Obermayr.

 

Wie wichtig der Bezug zum Lebensmittel ist, beweist auch der Verein fairleben - BioLaden in Allhaming, Oberösterreich. Die Nachfrage ist durch die Gäste des fairleben Bio-Buschenschanks von Margit und Josef Mayr-Lamm entstanden. „Viele wollten wissen, woher wir unsere Zutaten wie Brot, Fleischwaren usw. beziehen, und sie auch über uns bestellen. So entstand die Idee dieses gemeinnützigen Vereins, der sehr unbürokratisch organisiert ist. Seit der Gründung im Juli 2014 sind es schon 30 Mitglieder, auf die die einzelnen Aufgaben wie Abholung beim Bauern aufgeteilt sind“, erzählt Margit Mayr-Lamm. Alle lagerbaren Lebensmittel sind für Mitglieder jederzeit im Laden abholbar, gelagert wird in Großgebinden, eingekauft mittels Behältern von zu Hause. Die entnimmene Menge wird in einer Liste vermerkt. Frische Produkte gibt es als monatliche Dauerbestellung und können zu bestimmten Zeiten im Laden abgeholt werden. Unterstützung finden diese Ideen mittlerweile auch durch Bio Austria und das Land OÖ, Informationen dazu gibt es unter www.bio-austria.at/azz.


 

Mit dem Bewusstsein, dass jeder Einkauf ein politisches Statement ist und wir als Konsumenten auch eine große (wenn nicht die) Macht haben, kann jeder von uns durch sein Konsumverhalten die Vielfalt der heimischen Landwirtschaft unterstützen und mit jedem Einkauf dafür sorgen, dass künftige Landwirte die Möglichkeit haben mit Freude im Sinne von Natur, Tier und Mensch unsere Lebensmittelversorgung zu gewährleisten und unsere Kulturlandschaft, Artenvielfalt aber auch unsere Unabhängigkeit zu erhalten.

 

12 % vom Gesamteinkommen geben Österreicher für Ernährung aus.

Seit 2003 gaben jährlich durchschnittlich 2.300 Landwirte ihren Hof auf.

110 Gemüsebaubetriebe sind heute LGV-Frischgemüse-Mitglieder. 1946 waren es noch 2.500.

55 % der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe werden im Nebenerwerb geführt.

20 % der österreichischen Flächen werden biologisch bewirtschaftet (=17.000 m2)

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