Eine Gärtnerei im Einklang mit Natur & Mensch

25.03.16 Eine Gärtnerei im Einklang mit Natur & Mensch

Leben zum Blühen bringen

Multikosmos Ausgabe 00020

Frühmorgens holt Walter Schubkarre und Rechen. Den ganzen Tag über recht er Gras oder Laub und im Winter schaufelt er Schnee. Immer am Liebsten dort, wo ihn viele Leute sehen. Die grüßt er freundlich. Zu Mittag geht er in die Kantine für die Beschäftigten der rund um das ehemalige Kloster Attl gelegenen Inntal-Werkstätten. Dazu gehören eine heilpädagogische Tagesstätte, eine Landwirtschaft und direkt im Kloster betreute Wohneinheiten.

Die Stiftung Attl ist eine zeitgemäße Bildungs- und Arbeitsstätte bei Wasserburg am Inn in Bayern und bietet über 300 Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung Arbeitsplätze in verschiedensten Fachbereichen, so auch in der Attler Gärtnerei. In Glashäusern, Folientunneln und auf Freilandflächen gedeiht das breite Sortiment aus Gemüse, Jungpflanzen, Kräuter, Stauden, Zier- und Zimmerpflanzen. Über 40 Beschäftigte werden im Gemüse- und Zierpflanzenbau ausgebildet. Neben der Teilhabe am Arbeitsleben ist die Gärtnerei ein Ort der Begegnung und des gemeinsamen Lernens.

Mit Herz und Seele

„Wichtig ist uns, persönlich auf die jeweiligen Fähigkeiten einzugehen. Mit dem Arbeitsplatz sind Struktur und Rhythmus vorgegeben. Unsere Beschäftigten gehen in die Arbeit wie andere auch, haben ihre Brotzeit und ihr freies Wochenende. Es macht Freude, mitzuerleben wie sie stolz ihre Besucher durch die Gärtnerei führen und erzählen, wo sie mithelfen oder welche Pflanzen sie eingetopft haben.“ erzählt Rainer Steidle. Als langjähriger Gärtner mit Herz und Seele geht er ruhig und geduldig auf die Menschen ein. Mit der naturnahen und abwechslungsreichen Arbeit bekommen sie alle eine Beschäftigung, die sie zufrieden macht und mit der so mancher ein Praktikum und später einen Platz im Arbeitsmarkt findet.

„Es ist schön zu sehen, wie sie sich mit dieser Handarbeit in der Natur identifizieren und in ihrer Arbeit aufblühen. Umso wichtiger ist es uns, von Chemikaliencocktails weg zu kommen und ökologische Produkte anzuwenden. Seit 2005 arbeiten wir mit naturnahen Verfahren und sind mitten drinnen, die gesamte Gärtnerei für die Biozertifizierung umzustellen.“ erklärt Andreas Rauch, Leiter der Gärtnerei.

Bio-Zierpflanzen

Im Zierpflanzenbereich ist dies eine besondere Herausforderung, handelt es sich hier doch hauptsächlich um Topfkulturen. Andrea Servos begleitet die Attler Gärtnerei im Rahmen des vom Bund geförderten Bio-Zierpflanzenprojektes, welches Betriebe die Umstellung auf ökologische Produktion erleichtert.

Bio-Zierpflanzen dürfen sich nur Pflanzen aus zertifizierten Bio-Gärtnereien nennen.  Diese Betriebe müssen die EU-Verordnung für biologische Landwirtschaft und die Richtlinien der Anbauverbände einhalten. Stauden, Schnittblumen und Topfpflanzen sind in Erden mit geringem Torf-Anteil gewachsen und garantiert frei von chemischen Pflanzenschutzmitteln, Herbiziden, Hemmstoffen und synthetischen Düngern.

Generell sind im Zierpflanzenbau kompakte Pflanzen gefordert. „Statt chemischer Hemmstoffe, die Pflanzen klein und kompakt halten, stutzen wir die Pflanzen häufiger. Zum anderen haben wir Chargen mit Beet- und Balkonpflanzen, bei denen wir die  Jungpflanzen in kleine Zwischentöpfe eintopfen, die das Wachstum der Pflanzen begrenzen bevor sie in den größeren Topf kommen.“ so Christine Bernhard, die in der Attler Gärtnerei für den Bereich Zierpflanzenbau zuständig ist. Wichtig ist auch die Umstellung auf organische Düngung von Pflanzen und Substraten. „Bei Topfsubstraten ist es wichtig, dass sie gehaltvoll sind und guten Kompost enthalten. Effektive Mikroorganismen kommen hier stark zum Tragen, weil sie das Substrat beleben, Krankheitskeime zurückdrängen, natürliches Gleichgewicht schaffen und der Pflanze ermöglichen, Nährstoffe leichter aufzuschließen.“ so Christine Bernhard weiter

Pflanzenstärkung und Homöopathie

In der Gärtnerei Attl ist der Weg zur Biozertifizierung ein Prozess der wachsen darf. Es wird darauf geachtet, dass sämtliche Beschäftigte mit den veränderten Arbeitsweisen gut zurechtkommen. Christine Bernhard und Rainer Steidle sammeln dabei jede Menge Erfahrungen. Durch die Arbeit mit EM ging der Weg bald hin zu Pflanzenstärkungspräparaten und seit 2008 beschäftigt sich Rainer Steidle mit Pflanzen-Homöopathie: „Sie ergänzt sich gut mit EM. Das gesamte Ökosystem und der Fluss von Nährstoffen profitieren daraus, von Pilzen und Schädlingen befallene Milieus stabilisieren sich wieder.“ Um Pilzen vorzubeugen oder zum Wundverschluss bei verletzten Pflanzen wird EM reichlich direkt auf die Blätter gesprüht, „sodass es schön die Stängel hinunter läuft.“ Jungpflanzen zum Beispiel werden mit EM, Homöopathie und Pflanzenstärkungsmitteln angegossen und können damit Stresssituationen besser bewältigen.

Vitale Böden

„Wesentlich bei der biologischen Arbeit ist die Entwicklung verschiedener Strategien und wie mehrere Bausteine in Zusammenhang gesetzt werden.“ meint Andrea Servos. Eine große Rolle spielt hierbei der Aufbau von Humus und wie der Boden bearbeitet wird. Dem Boden werden Ruhezeiten mit Gründüngungen gegönnt und es werden Blühmischungen für Insekten und Nützlinge angebaut. Es wird ohne Pflug gearbeitet, auf die Bodentemperaturen geachtet, in den Gewächshäusern und auf den Feldern mit Bokashi und Gärheu gemulcht. Als Ernährer für den Boden lockern Regenwürmer das Erdreich und holen Substanzen aus dem Untergrund, die Pflanzen sonst nicht erreichen.

 „EM sind für Boden- und Pflanzenpflege, bei der Kompostierung, sowie im Umstellungsprozess von konventioneller zu biologischer Bewirtschaftung unentbehrlich, da wir damit eine vitale Balance erreichen.“ ist Rainer Steidle überzeugt und weiter: „Naturnahes Arbeiten verändert spürbar das Raumklima und letztlich auch das Arbeitsklima, da ein liebevoller und achtsamer Umgang mit Böden und Pflanzen die Menschen in ihrem Denken und Handeln verändert.“

Aufblühen bei erfüllender Arbeit

Die in der Gärtnerei betreuten Menschen erleben den gesamten Kreislauf: Sie richten Erde her, säen, pflanzen und gießen. Im Attler Markt, einem direkt vor der Gärtnerei gelegenen Laden, bieten sie die Pflanzen zum Verkauf an. Damit kommt Geld in die Kasse, von dem wiederum für die Gärtnerei eingekauft werden kann.

„Mensch und Garten: Leben zum Blühen bringen!“ – so sind die Töpfe für den Verkauf bedruckt, die die Pflanzen als biozertifiziert ausweisen. „Das spiegelt unsere Arbeit schön wider.“ freut sich Andreas Rauch, „Wir schauen darauf, Pflanzen gut zu kultivieren und dass die uns anvertrauten Menschen in ihren Fähigkeiten aufblühen. Letztendlich freuen sich auch unsere Kunden mit den Pflanzen, die bei ihnen zuhause aufblühen.“

Mit dem Aufblühen der Pflanzen durch ihre Arbeit ernten die Beschäftigten der Gärtnerei jede Menge Selbstbestätigung. So auch Walter, der abends seine Arbeitsgeräte verstaut und sein Tagwerk in der betreuten Wohneinheit im Kloster Attl beschließt. Am nächsten Morgen wird er wieder mit Schubkarre und Rechen losziehen. Er weiß, dass er hier gebraucht und wahrgenommen wird.

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